| 06. Januar 2018

ÜBER DIE BEDEUTUNG VON KUNST UND MUSIK

Zusammengefasst und zur Verfügung gestellt von Frauke Liesenborghs / Global Challenges Network

Diese Zeilen von Hans-Peter Dürr, der 2014 den Agregatzustand wechselte, bleiben zeitlos gültig und da die Gesellschaft noch weit davon entfernt ist, diese co-kreative, respektvolle und nonkonformistische Haltung zum Lebendigen an zu nehmen. Dieser Artikel ist mehr denn je brand aktuell, denn die Zukunftsfähigkeit des Menschen liegt in der Harmonie mit Mutter Natur, im liebenden Blick auf das Lebendige überall, im dynamic peace, der Verunmöglichung von Gewalt und sie kann nur individuell verwirklicht werden: jeder muss diesen Weg ganz persönlich gehen und kann (zum Glück) keine global Lösung erwarten, wenn es ums Ganze geht ! ... Es geht darum, Vertrauen zu haben und im Augenblick der höchsten Senibilität, auf dem Hochseil des Schönen, Wahren, Guten, wenn wir (in uns) wirkliches Neuland betreten, achtsam zu sein, dem Tanz des Lebendigen zu folgen, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Hölderlin sagte es schon treffend: Eins zu sein, mit allem, was lebt ... Und das können die vereinten Künste aus ihrer individuellen, täglichen Praxis vermitteln...

Bildung ist eine besondere Qualität, die sich eigentlich gar nicht oder nur schwer quantifizieren lässt. Deshalb heißt es nicht so sehr, was muss ich wissen, um gebildet zu sein, sondern es geht mehr darum: Wie muss ich Erfahrung wahrnehmen, aufgreifen und verarbeiten, um mein Wissen zu bereichern und Bildung zu erlangen? Kunst und Musik spielen in diesem Prozess eine ganz entscheidende Rolle, weil sie nicht auf Dinge fixiert sind und sich dort festklammern, sondern sich auf Beziehungen konzentrieren, auf die es letzten Endes ankommt, wenn wir etwas wissen und verstehen wollen. Ich betone hierbei Wissen und Verständnis, weil ich hierbei den vollen Menschen im Auge habe, den homo sapiens sapiens, und mich nicht mit seiner manipulierenden und konsumierenden Schrumpfgestalt, dem oeconomicus zufrieden geben möchte, der nur noch als billige Arbeitskraft bzw. Kunde und Shareholder registriert wird.

Es ist doch offensichtlich, dass unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit umfassender ist, als das, was wir begreifen können. Wir haben eine deformierte und falsche Vorstellung von der Wirklichkeit, wenn wir sie auf das Begreifbare reduzieren. Warum sollte die Natur sich auf das beschränken, was unser menschliches Gehirn erfassen kann? Begreifen bedeutet zunächst mit der Hand greifen und so funktioniert primär auch unser Denken. Es hat sich an einer materiellen Welt entwickelt. Wir denken, wie wir greifen. Ja oder nein, richtig oder falsch. Hand auf oder Hand zu, tertium non datur, determiniert, kausal und so fort. Denken als Prozess ist wie ein Zerlegen, Fragmentieren, Aufbrechen, Analysieren. Was ich auf diese Weise nicht kategorisieren kann, das gibt es für uns zunächst einfach nicht. Haben oder Nichthaben. Wir werden dadurch in eine materielle Weltsicht hineingezogen.

Was stellt sich Wissen heute dar? Wissen ist vor allem Bemächtigungswissen, Verwertungswissen, Manipulationswissen und kaum mehr Wissen im Sinne von Weisheit, Verständnis, Erkenntnis. Wissen ist Macht, ein Mittel, um sich durchzusetzen, gegen die Natur und „die Anderen". Wissen, das wir besitzen wollen, muss ausreichend exakt sein, wenn wir geschickt manipulieren wollen, denn unsere Hand, die verändern will, muss das zu Greifende auch wirklich in die Hand bekommen. Aber die Welt zu verstehen, ist etwas anderes und dazu haben wir ganz eben auch andere Fähigkeiten und besitzen für ihr Verständnis des Großen, Ganzen andere „Organe". So beschreibt das künstlerische Intuitive solch einen anderen Zugang zu einem Verständnis der Wirklichkeit, die nicht den direkten Zugriff braucht. Dies ist eine fanatische Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen, weil sie auf eine vorherige Fragmentierung verzichten kann. Wir hören heute oft: Wir armen Geschöpfe, in welch komplexer Welt müssen wir heute leben und zurechtfinden. Doch die Welt war schon immer komplex. Denken wir nur an diese wunderbar vielfältige Natur da draußen, die durch das bisschen Technik, das wir dazugestellt haben, nur ganz marginal komplizierter geworden ist. Aber diese Technik ist trotz der vielen Hilfen, die sie uns ermöglicht, für uns zu einer großen Belastung geworden, weil wir jede Komplexität als Kompliziertheit verstehen, mit der wir nur verlässlich umgehen können, wenn wir sie in ihre Bestandteile zerlegt, jedes klitzekleine Teilchen begriffen und dann alles wieder zusammengebaut haben. Durch diese Analyse-Synthese-Prozedur wir die ursprüngliche Wirklichkeit durch ein vereinfachtes Konstrukt ersetzt. Bei der unmittelbaren Betrachtung der Wirklichkeit passiert jedoch etwas ganz anderes. Wir haben die erstaunliche Gabe, mit einiger Erfahrung das jeweils Relevante auf einen Blick zu sehen, also die paar wichtigen Aspekte, auf die es uns im Augenblick vor allem ankommt, aus der Komplexität herauszulösen.

Der Mensch ist enorm fehlerfreundlich, weil er sich nicht an festen Bildern, sondern an Mustern orientiert. Wir sollten ihn wegen dieser Fehlerfreundlichkeit, wir könnten auch sagen Toleranz, nicht tadeln, denn er würde, wenn alles exakt stimmen müsste, überhaupt nicht funktionieren. Ein Fehler ist ja eigentlich zunächst gar kein Fehler, sondern nur eine Abweichung von einer Norm, an die wir uns bisher gehalten haben. Im menschlichen Zusammenleben brauchen wir solche Vereinbarungen, um unsere Verständigung zu vereinfachen. Andererseits sind es solche Variationen, die das Kreative ausmachen. Die Evolution des Lebendigen beruht darauf. Das Künstlerische, die Kunst und die Musik erlauben diese Fehlerfreundlichkeit, diese Offenheit und Flexibilität. Sie entfaltet sich, indem sie alte Themen variiert und auf diese Weise sich ein viel größeres und höher dimensionales Territorium erschließt. Kunst und Musik stimulieren unsere Kreativität und erhöhen unsere Flexibilität. Wir sollten diese Fähigkeiten jedoch um ihrer selbst willen achten, da sie unser Leben bereichern und ihm höhere Qualität verleihen. Denn das Ziel künstlerischer Angebote ist doch, dass der Mensch der Wirklichkeit, in die er eingebettet ist, näher kommt, dass er sie intensiver und fülliger wahrnimmt und erlebt und vor allem, dass er lernt, in dieser Wirklichkeit zu überleben. Es geht um die Zukunftsfähigkeit des homo sapiens sapiens. Und dies hat viel mit Kreativität und Flexibilität, doch auch mit Umsicht, Empathie, Liebe und Kooperation zu tun. Hierbei spielen Kunst, Musik und Spiel eine wichtige Rolle, da sie nicht so sehr auf unsere Greif-Hand konzentriert sind, die besitzen und beherrschen will. Kunst und Musik erlauben eine Wahrnehmung der Wirklichkeit, die nicht Macht anstrebt, sie ermöglichen uns das Einschwingen in die Wirklichkeit und lassen uns teilnehmen an dem, was diese Wirklichkeit im Grunde lebt.
Mein Ausgangspunkt ist nicht der eines Esoterikers, sondern ich beziehe mich auf auf neuen Einsichten der modernen Physik. Max Planck hat 1900 dafür die ersten Weichen gestellt, und wir haben das letzte Jahrhundert verstreichen lassen, ohne die wesentlichen Schlussfolgerungen aufzunehmen und zu rezipieren. Wir sind heute immer noch in der alten Denkweise verhakt, dass streng genommen nur Dinge für uns wahrnehmbar und deshalb wahr sind, wenn wir sie greifen können, also materielle Objekte sind. Das sind aber die unwichtigeren Dinge in dieser Welt. Deshalb brauchen wir die Kunst, um uns den Zugang zu dem Umfassenderen offen zu halten, damit wir besser verstehen und erfahren, was dieser Wirklichkeit eigentlich zugrunde liegt. Die Kunst ist gerade in unserer jetzigen Weltsituation besonders wichtig, weil es heute weniger auf wissenschaftlich- technische Neuerungen ankommt, als vielmehr auf gesellschaftliche Innovationen, dass wir lernen, uns nicht wechselseitig zu bedrohen, sondern, mit der Kunst als Vermittler, eine Weltkultur der Kulturen schaffen, in der das Ganze mehr ist als seine Teile. Wir sollten erkennen, dass wir trotz aller äußeren Verschiedenheiten auf einem gemeinsamen Grund stehen. Kunst und Musik und alle diese nicht direkt fassbaren Dinge lassen uns erinnern, dass es etwas Gemeinsames im Hintergrund gibt.
Das ist doch der Sinn von Kunst und Musik, bei dieser Erschließung verborgener Schätze mitzuwirken und nicht nur auf unsere zupackenden, aktiven Hände zu achten, die immer noch mehr greifen und begreifen wollen. Hände können auch fühlen, malen, schreiben, spielen, musizieren, gestalten.


Basistext von Hans-Peter Dürr, gekürzt und bearbeitet von Frauke Liesenborghs